Buchcover Zukunftsblind«Zukunftsblind: Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren» ist ein faszinierendes Buch, welches nicht nur ein paar Trends und Technologien aufzeigt. Der ehemalige Berater und heutige Tech-Investor Benedikt Herles geht der Frage nach, was diese in der Konsequenz für die Gesellschaft bedeuten. Da wir Menschen schlecht darin sind, exponentiell zu denken, fällt es uns auch sehr schwer, die Folgen von Technologiesprüngen abzuschätzen. Die zentrale Frage laute deshalb, in was für einem Land wir leben wollen.

Fortschritt durch Digitalisierung und synthetische Biologie

Im Rahmen der Digitalisierung beschränkt sich Benedikt Herles dabei nicht nur auf Computer, sondern fokussiert sich auch stark auf die Biologie. Die Gen-Sequenzierung verändert die Biologie und Evolution für immer. Crispr-Cas9 ermöglicht beispielsweise das relativ einfache Suchen und Ersetzen von Gen-Sequenzen. Ganze Arten können mittels Gen-Drive modifiziert oder eliminiert werden, da sich nur die modifizierten Gene weitervererben. Dies könnte sogar dereinst als biologische Atombombe missbraucht werden. Synthetische Biologie ist nichts anderes als Programmieren, denn Gene sind schlussendlich ebenfalls Code. Statt binärem Code gibt es vier verschiedene Basen, die programmiert werden können. So kann DNA von Grund auf geschrieben werden.

Die Auswirkungen auf die Gesellschaft

Der technologische Fortschritt führt zu einer – wie sie der Autor nennt – Matthäus-Gesellschaft: Wer hat, dem wird gegeben; wer nichts hat, dem wird genommen. Die Konsequenz ist eine Polarisierung und eine Erosion der Mittelschicht. Ohne gute Bildung verliert man den Anschluss, die Bildungsrendite wird immer grösser. Einerseits vernichten Roboter Arbeitsplätze. Andererseits werden sie aber benötigt, denn nur durch Automatisierung können wir noch Produktivitätssteigerungen erzielen sowie unseren Wohlstand und das Vorsorgesystem am Laufen halten.

Krankheiten werden letztendlich alle heilbar werden, die ultimative Herausforderung wird die Überwindung des Todes werden. Dadurch entstehen biologische Kasten und neue Rassen. Die Jobs der Zukunft erhalten nur noch diejenigen Mitarbeiter mit optimalen Genen.

Eine grosse Chance sieht Benedikt Herles in der Blockchain. Sie führt zu dezentralen Strukturen und wirkt somit den Kräften der Matthäus-Gesellschaft entgegen. Eine Lösung für die Organisation der Gesellschaft sind Dezentrale Autonome Organisationen (DAO) auf der Blockchain kombiniert mit Artificial Intelligence. Das letztendliche Szenario ist eine Algokratie, also eine Herrschaft der Algorithmen.

Der 10-Punkte-Plan

Der Autor analysiert anschliessend, welche Antworten die Politik auf diese Entwicklungen hat. Sein Fokus ist dabei primär die deutsche Politik, aber die Erkenntnisse lassen sich durchaus auf die Schweiz übertragen. Herles sieht ein politisches Innovator Dilemma: Die Parteien fokussieren zu stark auf Bestehendes und haben keinen Anreiz, wirkliche Innovationen zu fordern und zu fördern. Der Durchschnittswähler ist 50+, erhält eine sichere Rente und sieht keine Notwendigkeit, dass sich etwas ändern muss. Deshalb braucht die Gesellschaft ein neues soziales Narrativ, welches sie vertrauensvoll in die Zukunft schauen lässt.

Zum Schluss offeriert Benedikt Herles ein solches Narrativ im Rahmen eines 10-Punkte-Plans:

  1. Steuergerechtigkeit: Kapital und Löhne gleich belasten, Erbschaftssteuer anheben!
  2. Bedingtes Grundeinkommen: Bürgerliches Engagement dokumentieren und entlohnen!
  3. Aktien für alle: Belegschaften an Unternehmergewinnen teilhaben lassen!
  4. Bildungsrevolution: Die Klassenzimmer entstauben, Lehre und Inhalt zeitgemäss gestalten!
  5. Zukunftsbeteiligung: Einen Staatsfonds gründen und in führende Technologie-Unternehmen investieren!
  6. Staatstransparenz: Eine „Bürger-Blockchain“ einrichten und Steuerzahlungen nachvollziehbar machen!
  7. Zukunftsministerium: Eine Fortschrittsbehörde schaffen, die sich um die gesellschaftliche Bewältigung des technologischen Wandels kümmert!
  8. Algorithmen- und Datenkontrolle: Künstliche Intelligenz und kritische Software überwachen!
  9. Europäischer Genplan: Eine EU-Agentur für Biotechnologie gründen, den Forschungsstandort Europa fördern!
  10. Globale Kooperation: Eine UN-Technologiefolgen-Konferenz einberufen, internationale Kontrollinstitutionen gründen!

Meine persönliche Einschätzung

Die Auslegeordnung im ersten Teil des Buchs ist sehr stringent und ich mit den erwarteten Konsequenzen im zweiten Teil sehr einverstanden. Meines Erachtens führen aber ein paar der vorgeschlagenen Punkte doch in eine falsche Richtung. Alles in allem wünscht sich Benedikt Herles mehr Zentralisierung und Umverteilung und seine Vorschläge triefen von Sozialromantik. Ein paar Kommentare zu seinen Punkten:

  1. Gerechtes Steuersystem: Kapitalgewinne werden heute in der Schweiz nicht besteuert, da dieses Geld bereits durch die Unternehmen als Gewinn versteuert wurde. Das gleiche gilt für die Erbschaftssteuer. Statt Kapitalgewinne zu besteuern, müssten die Menschen vielmehr motiviert werden, einen Teil ihrer Ersparnisse in Aktien zu investieren und so die Vorsorge in die eigene Hand zu nehmen.
  2. Bedingtes Grundeinkommen: Herles sieht hier ein Modell, wo Leistungen zugunsten der Gesellschaft mit blockchain-basierten Social Coins entlöhnt werden. In unserer älter werdenden Gesellschaft wird es immer mehr unbezahlte und unbezahlbare soziale Arbeit geben. Ich befürworte deshalb grundsätzlich ein System, wo jeder Einwohner seinen Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft leistet und dafür mit entsprechenden Leistungen belohnt wird. Wenn man die Arbeiten weit definiert (Militärdienst, Pflegedienst, Freiwilligenarbeit etc.), kann dies ein spannender Ansatz sein. Gleichzeitig müssten es auch nicht nur zwingend monetäre Leistungen sein, die man im Gegenzug erhält. Das KISS-System geht beispielsweise in eine ähnliche Richtung.
  3. Aktien für alle: Die Mitarbeitenden werden durch ihren Fixlohn und einen allfälligen Bonus für ihre Leistungen vergütet. Der Aktionär stellt dem Unternehmen Kapital zur Verfügung und erhält dafür im positiven Fall eine Dividende als Vergütung. Er trägt aber das Risiko, dass er keine Dividende erhält oder das Investment ganz wertlos wird. Mitarbeiterbeteiligungen, wie sie Startups und Tech-Firmen kennen, ersetzen oftmals den Bonus und rechtfertigen tiefere Löhne. Ich gehe nicht davon aus, dass dies die Idee des Autors ist, vielmehr sollen die Mitarbeitenden zusätzlich am Unternehmensgewinn partizipieren. Dies geht natürlich nicht auf, denn zu den Rechten einer Aktie gehört auch die Pflicht, das Risiko mitzutragen.
  4. Bildungsrevolution: Einverstanden.
  5. Zukunftsbeteiligung: Mehrheitlich einverstanden, auch wenn ich der Meinung bin, dass Vorsorgegelder konservativ investiert werden müssen.
  6. Staatstransparenz: Einverstanden.
  7. Zukunftsministerium: So wie es in Unternehmen keinen Chief Digital Officer braucht, so braucht es kein Zukunftsministerium. Alle Ministerien müssen sich mit dem technologischen Wandel beschäftigen, dies kann nicht an ein Ministerium delegiert werden.
  8. Algorithmen- und Datenkontrolle: Einverstanden.
  9. Europäischer Genplan: Es ist richtig, den Forschungsstandort Europa zu fördern in Anbetracht der Konkurrenz in den USA und China. Ob hierfür eine EU-Agentur das richtige Mittel ist, bezweifle ich.
  10. Globale Kooperation: Globale Herausforderungen lassen sich natürlich nur durch internationale Zusammenarbeit lösen. Aber auch hier ist mit zusätzlichen Konferenzen und Institutionen nichts gewonnen. Es braucht vielmehr auf allen Ebenen Leute, welche die Technologiefolgen abschätzen können und gewillt sind, über Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten.